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Zwischen Frieden und Konflikt: Der Kampf zwischen Staaten, der nie endet

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Wer die Nachrichten der letzten Jahre verfolgt hat, kennt das Muster: Sanktionen hier, Cyberangriffe dort, Handelsbeschränkungen für Halbleiter, Desinformationskampagnen in sozialen Netzwerken. Und dazwischen immer wieder die Frage, ob und wann aus wirtschaftlichem und politischem Druck offene militärische Gewalt wird. Für Unternehmen, die kritische Infrastrukturen betreiben oder schlicht global vernetzt wirtschaften, ist das keine akademische Debatte mehr, sondern ein Faktor im täglichen Risikomanagement. Dieser Artikel ordnet ein, warum Staaten sich in einem dauerhaften Wettbewerb befinden, welche Formen dieser Wettbewerb heute annimmt und was das konkret für Sicherheitsverantwortliche in Unternehmen bedeutet.

Was bedeutet Frieden heute überhaupt?

Der klassische Friedensbegriff, also die Abwesenheit von Krieg zwischen Staaten, greift zu kurz, um die heutige Lage zu beschreiben. Die Friedens- und Konfliktforschung unterscheidet seit Langem zwischen “negativem Frieden” (keine offene Gewalt) und “positivem Frieden” (Abwesenheit struktureller Gewalt, stabile Kooperation). Zwischen diesen beiden Polen liegt ein breites Spektrum, das man treffender als “Grauzone” oder “Konfliktkontinuum” bezeichnet. Staaten befinden sich weder im klassischen Krieg noch in echtem, spannungsfreiem Frieden, sondern in einem Zustand permanenter Reibung unterhalb der Schwelle offener militärischer Gewalt.

Genau in dieser Grauzone spielt sich der größte Teil der zwischenstaatlichen Auseinandersetzung der Gegenwart ab. Sanktionsregime, Exportkontrollen, Cyberoperationen und Einflussnahme über Medien und Plattformen sind Instrumente, die genutzt werden, ohne dass ein Staat formal “Krieg führt”. Für Sicherheitsverantwortliche bedeutet das: Die relevante Bedrohungslage beginnt nicht erst beim Panzer an der Grenze, sondern deutlich früher.

Konkurrenz als Normalzustand der internationalen Politik

Die realistische Schule der internationalen Beziehungen (Thukydides, Hobbes, im 20. Jahrhundert Morgenthau und später Waltz sowie Mearsheimer) beschreibt das internationale System als anarchisch. Es gibt keine übergeordnete Instanz, die Staaten vor Angriffen anderer Staaten schützt. Aus dieser strukturellen Unsicherheit entsteht das sogenannte Sicherheitsdilemma: Jeder Staat muss sich selbst absichern, was wiederum bei anderen Staaten Unsicherheit erzeugt und zu einem fortlaufenden Wettrüsten führt, ob militärisch, wirtschaftlich oder technologisch. Diese Perspektive erklärt gut, warum sich Großmachtrivalitäten wie die zwischen den USA und China über nahezu alle Politikfelder erstrecken: Handel, Halbleitertechnologie, Rohstoffe, Weltraum, Cyberraum.

Diese Sichtweise ist jedoch nicht unwidersprochen, und wir sollten die Gegenpositionen nicht verschweigen:

  • Liberaler Institutionalismus (u. a. Keohane, Nye): Wirtschaftliche Verflechtung und internationale Institutionen wie WTO, WHO oder Klimaabkommen können den reinen Nullsummen-Charakter des Wettbewerbs durchbrechen. Kooperation unter Anarchie ist möglich, wenn wiederholte Interaktion und gemeinsame Interessen Vertrauen schaffen.
  • Demokratischer-Frieden-These: Demokratien führen untereinander praktisch nie Krieg. Der Wettbewerb wäre demnach nicht universell, sondern stark davon abhängig, welche Regierungsformen aufeinandertreffen.
  • Konstruktivismus (u. a. Wendt): Interessen und Identitäten von Staaten sind nicht naturgegeben, sondern sozial konstruiert. Anarchie erzwingt demnach nicht zwangsläufig Konkurrenz. Staaten könnten ihre Beziehungen auch kooperativ gestalten, wenn sich die zugrunde liegenden Narrative ändern.

In der Praxis zeigt sich meist eine Mischung: Kooperation in Bereichen mit gemeinsamem Interesse wie Pandemiebekämpfung, technischen Standards oder Klimaforschung, bei gleichzeitigem Wettbewerb in sicherheitsrelevanten Feldern. Für die Sicherheitsplanung von Unternehmen ist relevant, dass diese Gemengelage selten stabil bleibt. Politische Konstellationen, die heute Kooperation ermöglichen, können sich innerhalb weniger Jahre in offenen Wettbewerb verkehren.

Hybride Kriegsführung: Cyberangriffe, Desinformation, Wirtschaft, Spionage

Der eigentliche Wandel der letzten zwei Jahrzehnte liegt darin, dass der zwischenstaatliche Wettbewerb zunehmend über hybride Mittel ausgetragen wird, also über eine Kombination ziviler, militärischer, offener und verdeckter Instrumente. Einzeln bleiben diese Mittel oft unterhalb der Schwelle eines bewaffneten Angriffs, entfalten in ihrer Summe aber erhebliche strategische Wirkung:

  • Cyberangriffe auf Behörden, Energieversorger, Krankenhäuser oder Logistikunternehmen, teils zur Spionage, teils zur Sabotage, teils als Testlauf für spätere Eskalation.
  • Desinformationskampagnen, die gezielt gesellschaftliche Spaltungen vertiefen, Wahlen beeinflussen oder das Vertrauen in Institutionen untergraben, verstärkt durch soziale Plattformen und zunehmend durch KI-generierte Inhalte.
  • Wirtschaftlicher Druck in Form von Exportkontrollen, gezielten Sanktionen oder ausgenutzten Abhängigkeiten bei kritischen Rohstoffen und Vorprodukten wie Halbleitern oder Seltenen Erden.
  • Spionage, klassisch wie digital, gegen Regierungen, aber zunehmend auch gegen Unternehmen mit sicherheitsrelevantem oder wirtschaftlich wertvollem Know-how.

Der Begriff “hybride Kriegsführung” ist dabei kein rein akademisches Konstrukt. Er beschreibt eine reale, beobachtbare Verschiebung: Angriffe, die früher militärischer Natur gewesen wären, finden heute im digitalen Raum oder über wirtschaftlichen Druck statt, weil sie schwerer zuzuordnen sind, geringere Eskalationsrisiken bergen und oft wirksamer sind als konventionelle Mittel.

Wie real diese hybride Bedrohung ist, zeigte sich Ende Juli 2026 in den USA. Innerhalb weniger Tage wurden mehr als 30 kommunale Wasserversorger in Minnesota Ziel eines koordinierten Cyberangriffs, bei dem Angreifer internetseitig erreichbare speicherprogrammierbare Steuerungen (PLCs) von Rockwell Automation kompromittierten, Passwörter änderten und Betreiber aus der Anlagensteuerung aussperrten. Mehrere Kommunen mussten daraufhin auf manuellen Betrieb umstellen und Abkochgebote erlassen. Das FBI und die US-Umweltschutzbehörde EPA warnten öffentlich, dass ähnliche Vorfälle inzwischen in mindestens sieben Bundesstaaten aufgetreten seien. US-Sicherheitsbehörden sehen Hinweise auf iranisch verknüpfte Akteure, die bereits seit 2023 wiederholt US-Wasserinfrastruktur ins Visier genommen haben, eine eindeutige Zuordnung steht jedoch noch aus. Eine Gefährdung der Trinkwasserqualität wurde nicht gemeldet, doch der Vorfall macht exemplarisch deutlich, wie leicht sich mit vergleichsweise einfachen digitalen Mitteln reale Betriebsstörungen an sicherheitskritischer Infrastruktur erzeugen lassen, ganz ohne einen einzigen physischen Angriff.

Kritische Infrastrukturen und die Rolle von Unternehmen

Aus dieser Entwicklung folgt unmittelbar, warum Unternehmen heute Teil der sicherheitspolitischen Gleichung sind, und zwar nicht nur als Kollateralschaden, sondern als eigenständiges Ziel. Betreiber kritischer Infrastrukturen aus Energie, Wasser, Gesundheitswesen, Telekommunikation, Finanzwesen und Transport stehen im Zentrum, weil ihr Ausfall gesellschaftliche und wirtschaftliche Kaskadeneffekte auslösen kann, ohne dass ein Staat einen einzigen Soldaten einsetzen müsste. Auch mittelständische Unternehmen, die technologisches Know-how, Lieferketten oder Zulieferbeziehungen zu sicherheitsrelevanten Bereichen besitzen, geraten zunehmend ins Visier, sei es durch Spionage, Cyberangriffe oder gezielte Übernahmeversuche.

Regulatorisch spiegelt sich das etwa in den steigenden Anforderungen an KRITIS-Betreiber und in europäischen Vorgaben wie NIS2 wider, die Unternehmen stärker in die Pflicht nehmen, Risikomanagement, Meldewege und technische Schutzmaßnahmen nachweisbar zu etablieren. Sicherheitsverantwortliche in Unternehmen sind damit nicht mehr nur für den klassischen Objektschutz zuständig, sondern zunehmend Teil einer gesamtstaatlichen Resilienzstrategie.

Regulierung, Schnittstellen und Zuordnung: Drei operative Herausforderungen für Unternehmen

Die Theorie der hybriden Kriegsführung übersetzt sich in der Praxis in drei konkrete Hürden, vor denen Sicherheitsverantwortliche und Geschäftsführungen heute stehen:

  • Der Übergang von freiwilliger Sicherheit zur persönlichen Haftung: Regulatorische Vorgaben wie die EU-Richtlinie NIS-2 oder das KRITIS-Dachgesetz sind keine reinen Compliance-Übungen mehr. Sie verankern die Resilienz kritischer und wichtiger Einrichtungen direkt in den Pflichten der Unternehmensleitung. Cybersicherheit und Georisikomanagement wandern damit unmissverständlich in die Ebene der Vorstandshaftung. Wer Risiken ignoriert oder Kontrollen vernachlässigt, haftet persönlich.

  • Die gefährliche Nahtstelle zwischen IT und OT: Viele Angriffe auf kritische Infrastrukturen zielen nicht primär auf die klassische Büro-IT (Information Technology), sondern auf die operative Steuerungstechnik (Operational Technology / OT), wie speicherprogrammierbare Steuerungen (PLCs). Die historische und oft unzureichend abgesicherte Verschmelzung von IT-Netzen mit Produktions- und Steuerungsumgebungen bildet die primäre Einfallsschneise für hybride Bedrohungen. Resilienz erfordert hier eine strikte Netzwerksegmentierung und Isolation kritischer Systeme.

  • Das Attributionsproblem und die Lücke im Versicherungsschutz: Im Gegensatz zu konventionellen Angriffen lassen sich hybride Operationen selten sofort oder eindeutig einem staatlichen Akteur zuordnen. Angreifer nutzen Verstecke, Proxys oder False-Flag-Taktiken. Diese Unschärfe erzeugt für Unternehmen juristisches Neuland: Viele Cyber-Versicherungen verweigern die Leistung bei Schäden durch „kriegerische Handlungen“ (War Exclusion Clauses). Die unklare Zuordnung erschwert es Unternehmen massiv, Ansprüche geltend zu machen und finanzielle Folgeschäden abzufedern.

Warum Resilienz zum zentralen Sicherheitsfaktor wird

Gus Serino, ein langjähriger Cybersicherheitsspezialist für den Wassersektor, kommentierte den Angriff auf die Minnesota-Wasserversorger gegenüber CNN mit klaren Worten:

Ausmaß und Koordination der Attacke seien beispiellos gewesen, und der Vorfall zeige einmal mehr, dass viele Trinkwasserversorger nach wie vor auf Technologiearchitekturen setzen, denen grundlegende Cybersicherheitskontrollen fehlen, um Angriffe dieser Art zu verhindern oder wirksam zu erschweren.

Genau diese Lücke zwischen bekannter Bedrohung und tatsächlicher Absicherung ist der Grund, warum sich der Fokus zwangsläufig von reiner Abwehr hin zu Resilienz verschiebt, also der Fähigkeit, Störungen zu überstehen, sich schnell zu erholen und den Betrieb auch unter widrigen Bedingungen aufrechtzuerhalten. Das umfasst mehrere Ebenen:

  • Technische Resilienz: redundante Systeme, Notfallpläne, regelmäßig getestete Backups, segmentierte Netzwerke.
  • Organisatorische Resilienz: klare Meldeketten, geschulte Mitarbeitende, belastbare Krisenstäbe, realistische Übungen.
  • Lieferketten-Resilienz: Diversifizierung kritischer Abhängigkeiten, Bewertung geopolitischer Risiken bei Zulieferern.
  • Informationelle Resilienz: Fähigkeit, Desinformation zu erkennen und die eigene Kommunikation im Krisenfall glaubwürdig zu steuern.

Resilienz ist deshalb kein Gegensatz zu klassischer Sicherheit, sondern deren notwendige Ergänzung in einer Welt, in der nicht jeder Angriff verhindert werden kann, sein Schaden aber begrenzbar sein muss.

Fazit: Militärische Verteidigung allein reicht nicht mehr aus

Aus Sicht vieler sicherheitspolitischer Analysen ist der dauerhafte Wettbewerb zwischen Staaten eine strukturelle Konstante internationaler Politik, auch wenn Ausmaß und Ausprägung je nach theoretischer Perspektive unterschiedlich bewertet werden. Entscheidend für Unternehmen und Sicherheitsverantwortliche ist weniger die theoretische Einordnung als die praktische Konsequenz: Der Wettbewerb wird heute überwiegend hybrid ausgetragen, unterhalb der Schwelle offener militärischer Gewalt, aber mit realen Auswirkungen auf Infrastruktur, Wirtschaft und Gesellschaft. Klassische militärische Verteidigung bleibt notwendig, ist aber allein nicht mehr ausreichend. Wer Sicherheit heute ernst nimmt, muss Cyberabwehr, Lieferkettenresilienz, Objektschutz und Krisenkommunikation als zusammenhängendes System begreifen und nicht als getrennte Ressorts.

Im Artikel erwähnte Literatur

  • Hans Morgenthau – Politics Among Nations
  • Kenneth Waltz – Theory of International Politics
  • John Mearsheimer – The Tragedy of Great Power Politics
  • Robert Keohane – After Hegemony
  • Alexander Wendt – Social Theory of International Politics

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